Architektur

Ein Container in einer Obstwiese inmitten der Natur und der oberschwäbischen Kulturlandschaft: Das war unserere erste Idee für das Ruschweilerhaus.
Dass es dann doch größer wurde und nun nicht nur Platz für uns, sondern auch für unsere Feriengäste bietet, hat mit dem Vorschlag unseres Architekten zu tun, ein Plus-Energie-Haus zu bauen: Für so kleine Wohnungen, wie uns eine vorschwebte, gab es auf dem Markt keine technische Anlage.

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Und die Sache mit der abgelegenen Obstwiese ist auch nicht so einfach: Man braucht eben doch Strom und Wasser, und natürlich ein Stück Land, auf dem man bauen und wohnen darf.
Im Schaukasten vor dem Illmenseer Rathaus fanden wir im Frühjahr 2008 den entscheidenden Hinweis: „Das Baugebiet ‚Auf der Höhe’ in Illmensee-Ruschweiler ist jetzt erschlossen. Interessenten können sich im Rathaus melden.“

Bei diesem Baugebiet handelte es sich tatsächlich — um eine alte Obstwiese. Zwei große Birnbäume, auf die wir vom Wohnzimmerfenster aus blicken, zeugen noch davon (inzwischen haben wir ihnen zwei jüngere zur Gesellschaft gepflanzt.)
Die Wiese lag zwischen dem alte Ortskern von Ruschweiler und einem Neubaugebiet aus den 1980er Jahren, nur wenige Gehminunten vom Ruschweiler See entfernt.

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Wie aber sollte unser neues Haus aussehen? Ein Blick über den Bodensee hinweg nach Vorarlberg zeigte uns den Weg: Die Pflege der traditionellen Architektur ist unseren Nachbarn dort ebenso wichtig wie die Weiterentwicklung ihrer gestalterischen Traditionen und deren moderne Umsetzung. Gebaut wird vielfach mit Holz, oft stehen die Häuser einfach in der Wiese.

Wir suchten uns einen Architekten, der unsere Vorliebe für diese Bauweise teilt und selbst in dieser Art baut. Gerade weil wir uns als Innenarchitektin und Industriedesigner viel mit Gestaltung beschäftigen, war es uns wichtig, das Haus sorgfältig und mit Hilfe eines Fachmannes zu planen, der sich nicht nur mit bautechnischen Details auskennt.
Wir diskutierten die Ausrichtung des Hauses nach den Himmelsrichtungen und in Bezug auf die Nachbarn, dachten gemeinsam über die Aufteilung der Räume nach, die technische Ausstattung, über Materialien und Farben.
Es entstand die Idee, ein Plus-Energie-Haus zu bauen und eine zweite Wohneinheit zu integrieren, die wir als Ferienwohnung vermieten können.

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Das Haus ist nach der Sonne ausgerichtet, mit großen Fenstern in Richtung Südwesten, mit deren Hilfe wir die Sonnenwärme einfangen und — dank der guten Verglasung und der dicken Wände — auch speichern können. Auf dem Dach befindet sich eine Solaranlage.

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Das Haus wird durch zwei Baukörper ergänzt: den Carport und den Laubengang mit der Außentreppe. Im Winter bietet der Laubengang Schutz vor Wind und Schnee — was aber erst so richtig funktioniert, seitdem wir im letzten Jahr den Durchgang für die Wintermonate verschlossen haben und damit den Wind daran hinderten, um’s Haus herum zu pfeifen. Die Anregung dazu fanden wir widerum in Vorarlberg: Das wunderbar restaurierte Angelika-Kaufmann-Museum in Schwarzenberg besitzt eine Veranda, deren Öffnungen man mithilfe von Verschalungen schließen kann. Im Sommer hängen sie unter der Decke, im Winter werden sie heruntergezogen.

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Im Sommer wird dieser Laubengang zu einem zusätzlichen Aufenthaltsraum für die obere Wohnung, angenehm beschattet und kühl durch seine Lage im Nordosten des Hauses.
Innerhalb des Hauses kann es mitunter ganz schön warm werden, so bald die Sonne hervorkommt. Deshalb gibt es Jalousien für die Verschattung, und natürlich auch die Möglichkeit, eine der Fenstertüren zu öffnen: Das ist auch in einem Plus-Energie-Haus nicht verboten.

Im Sommer 2009 waren wir mit unseren Planungen fertig. Das Baugesuch war genehmigt, die Ausführungspläne gezeichnet und die Firma Lot-Wucher hatte in Feldkirch damit begonnen, Wand- und Dachelemente vorzufertigen. Mitte September kamen sie auf mehreren Tiefladern an — und innerhalb von drei Tagen stand das Haus.
Naja. Der Rohbau.

 

Bis es richtig gemütlich wurde, dauerte es noch eine Weile. Die Fenster wurden eingebaut, da hatten wir es wenigstens schon ein bisschen warm und sahen die Welt nicht mehr durch trübe Plastikplanen. Manches ging auf Anhieb gut, manches ging schief, vieles dauerte länger als gedacht: Jedes individuelle geplante Haus ist ein Prototyp, und so bald es fertig ist, weiß man, was man beim nächsten Mal besser machen könnte.
Noch im Winter erhielt das Haus sein endgültiges Kleid, die Fassade aus Lärchenholzschindeln. Sie ist bereits nach wenigen Jahren zu einem satten Silbergrau gedunkelt, von dem sich das Orange der beweglichen Fensterelemente gut abhebt.
Beim Spalten der Schindeln wurden — anders als es bei gesägten Schindeln der Fall wäre — die Kapillar-Röhren des Holzes nicht verletzt. So besteht die Aussicht, dass die Fassade zumindest innerhalb unserer Lebenszeit keinen Anstrich und wenig bis gar keine Reparaturen brauchen wird.

Das Frühjahr kam, das Gerüst wurde abgebaut, und wir konnten richtig in unserem Haus wohnen, konnten es kennenlernen im Lauf der Jahreszeiten, es einrichten und uns mit seinen Eigenheiten vertraut machen.

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Am meisten beschäftigte uns natürlich die Sache mit der Heizung. Waren wir da nicht etwas zu mutig gewesen? Würde das System wirklich funktionieren? Würden wir nicht doch irgendwann zähneklappernd und in Decken gehüllt auf dem Sofa sitzen und wünschen, wir hätten einen Schornstein eingeplant für einen Kaminofen?
Unser Architekt hatte uns nämlich davon abgeraten — so ein Ofen sei nutzlos bei unserer Hausgröße, es würde in viel zu kurzer Zeit viel zu warm und wir sollten im Zweifelsfall lieber ein paar Kerzen anzünden.

Wir würde es uns also ergehen in der kühlen Zeit, an trüben Tage ohne Sonne, bei frostigen Temperaturen?
Immerhin hat das Haus eine Art Daunenjacke: Die Wände sind vierzig Zentimeter dick, in die Holräume zwischen den Holzständern wurden Zelluloseflocken geblasen. Die Fenster sind dreifach verglast, und ein Blower-Door-Test hat ergeben, dass das Haus, zumindest kurz nach seiner Fertigstellung, ohne Ritzen und Fugen ist, durch die ein kalter Wind hereinblasen könnte.
Auch ist das Haus sehr kompakt gebaut und hat keine allzu große Oberfläche, die die kostbare Wärme an die Umgebung abgibt.
Aber — reicht das aus?

Geheizt wird nämlich in erster Linie mit der Wärme, die die Luft-Wasser-Wärmepumpe aus der Abluft zieht: Der Sonnenwärme (wenn sie denn da ist), unserer Körperwärme, der Wärme, die wir beim Kochen produzieren.
Insofern kann eine Kerze tatsächlich helfen, die Luft im Haus zu erwärmen. Oder wir laden noch ein paar Freunde ein, oder die Nachbarn zum Kaffeeklatsch —
Wir haben auch so noch nicht gefroren. Auch im Winter hatten wir immer genug warmes Wasser, auch für die Fußbodenheizung. Die Lüftungsanlage sorgt ständig für frische, gewärmte oder – im Sommer – gekühlte Luft.
Für die Steuerung der Heizung und den Betrieb der Wärmepunkte brauchen wir allerdings elektrischen Strom – knapp die Hälfte von dem, was wir mit der Solaranlage erzeugen.

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Inzwischen ist das Haus schon fünf Jahre alt. Wir haben es im Lauf der Jahreszeiten immer wieder anders erlebt. Es hat weitere Nachbarn bekommen, die neuen Bäume sind gewachsen, die Schindeln grau geworden – genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Architektur: Sägezahn